Wie erreichen Sie Menschen, die nie zu einer Bürgerversammlung kommen?

Wer mehr unterschiedliche Menschen beteiligen möchte, sollte verstehen, wo im Alltag Gespräche entstehen, wem die Menschen vertrauen und was eine Teilnahme für sie sinnvoll macht.
Die Einladung steht auf der Website der Gemeinde. Der Newsletter ist verschickt. Der Raum ist gebucht. Doch wenn die Bürgerversammlung beginnt, sitzen vor allem vertraute Gesichter am Tisch.
Ihre Beiträge sind wertvoll. Aber wer fehlt? Und was würde es diesen Menschen ermöglichen, sich einzubringen?
Schwer erreichbar? Oder anders erreichbar?
Oft sprechen wir von „schwer erreichbaren Gruppen“. Diese Bezeichnung legt die Ursache schnell bei den Menschen, die wir beteiligen möchten. Doch sind sie tatsächlich so schwer zu erreichen? Oder gelingt es uns mit den gewohnten Kanälen und Methoden einfach nicht ausreichend?
Wer den kommunalen Newsletter nicht liest, spricht vielleicht jede Woche mit einer Quartiersmanagerin. Wer eine Informationsveranstaltung verpasst, äußert seine Anliegen vielleicht vor dem Schultor. Und wer keinen Fragebogen ausfüllt, teilt möglicherweise eine Idee, wenn ein vertrauter Nachbar fragt, was sich in der Straße verbessern ließe.
Sind diese Menschen schwer erreichbar, oder müssen wir sie anders ansprechen?
Diese Frage stand auch bei unserer Veranstaltung zum aktiven Bürgerengagement von Hoplr und INVIOR im niederländischen Tilburg im Mittelpunkt. Sie lädt Kommunen dazu ein, die eigene Vorgehensweise zu hinterfragen. Wo suchen wir den Kontakt? Über wen? Zu welchem Zeitpunkt? Und gehen wir von dem aus, was den Menschen wichtig ist?
Verstehen, was die Teilnahme erschwert
Nicht zu einer Bürgerversammlung zu kommen, sagt wenig darüber aus, wie verbunden sich jemand mit seiner Nachbarschaft fühlt. Abenddienste, Sorgearbeit, Sprache, eine Behinderung oder eingeschränkter Internetzugang können die Teilnahme erschweren. Frühere Erfahrungen können zudem Zweifel daran wecken, ob die eigene Stimme überhaupt etwas verändert.
Eine andere Bezeichnung beseitigt diese Hürden nicht. Ein anderer Kommunikationskanal löst keinen Zeitmangel. Und ein vertrautes Gesicht kann nicht versprechen, dass eine Verwaltung zuhören wird. Wer die Hürde versteht, kann besser entscheiden, was sich ändern muss: der Zeitpunkt, das Format, die praktische Unterstützung oder die Art, wie Entscheidungen erklärt werden.
Ein hilfreiches Beispiel aus dem englischen Pflege- und Sozialbereich ist das Seldom Heard Voices Toolkit der Local Government Association. Es betont die Rolle lokaler Organisationen und aufsuchend tätiger Fachkräfte. Sie können Menschen helfen, Informationen zu finden und zu verstehen, besonders wenn das Vertrauen in öffentliche Dienste gering ist.
Kontakt aufbauen, bevor Sie um eine Meinung bitten
Ein Beteiligungsverfahren hat einen Zeitplan. Das alltägliche Leben in der Nachbarschaft geht zwischen diesen Fristen weiter.
Menschen leihen sich Werkzeug, organisieren Aktivitäten, helfen bei kleinen Aufgaben und sprechen über Veränderungen in ihrer Straße. Diese Kontakte haben einen eigenen Wert. Sie bieten zugleich Gelegenheiten, ein kommunales Vorhaben vorzustellen, eine Entscheidung zu erklären oder jemanden zum Mitdenken einzuladen.
Eine Fachkraft im Quartier, die Familien vor Ort kennt, weiß vielleicht, welche Einladung sie anspricht. Ein Nachbarschaftsverein kennt einen geeigneten Treffpunkt. Eine Nachbarin kann jemandem helfen, die nötigen Informationen zu finden, um selbst über eine Teilnahme zu entscheiden.
Kommunen können diese Beziehungen das ganze Jahr über unterstützen: indem sie präsent bleiben, auf alltägliche Fragen reagieren und mit lokalen Organisationen zusammenarbeiten. Wenn ein neues Projekt beginnt, gibt es dann bereits Menschen und Orte, an denen ein Gespräch anknüpfen kann.

Fünf Wege, um mehr unterschiedliche Menschen zu beteiligen
1. Knüpfen Sie an den Alltag der Menschen an
„Gestalten Sie unseren Mobilitätsplan mit“ verlangt, sich in eine politische Agenda hineinzudenken. „Wo ist es auf dem Schulweg schwierig, die Straße sicher zu überqueren?“ bietet einen konkreten Ausgangspunkt.
Erklären Sie, wie die übergeordnete Entscheidung mit alltäglichen Erfahrungen zusammenhängt, worauf die Menschen Einfluss nehmen können und welche Rahmenbedingungen bereits feststehen. Verwenden Sie klare Sprache und machen Sie auch Wahlmöglichkeiten und Abwägungen sichtbar.
2. Arbeiten Sie mit Menschen zusammen, die vor Ort bekannt sind
Fragen Sie Quartiersmanagement, Schulen, Bibliotheken, Sportvereine und Nachbarschaftsinitiativen, wie sie die bislang fehlenden Menschen ansprechen würden. Beziehen Sie diese Partner in die Gestaltung der Einladung und die Wahl eines geeigneten Ortes ein.
Arbeiten Sie mit verschiedenen Netzwerken und halten Sie auch direkte Beteiligungswege offen. Eine Organisation kann den Kontakt erleichtern, ohne damit alle Menschen in ihrem Umfeld zu vertreten. Vereinbaren Sie, welche Zeit und Unterstützung die Partner für diese Arbeit benötigen.
3. Bieten Sie einen machbaren ersten Schritt an
Manche Menschen haben eine wertvolle Erfahrung oder Beobachtung beizutragen, können aber keine zwei Stunden für eine Veranstaltung freimachen. Bieten Sie eine gezielte Frage, ein kurzes Gespräch oder die Möglichkeit an, einen Ort auf einer Karte zu markieren.
Geben Sie genügend Kontext für einen sinnvollen Beitrag und stellen Sie weiterführende Informationen bereit. Eine kurze Rückmeldung kann in einen größeren Prozess einfließen. Bei komplexen Entscheidungen kann darüber hinaus ein ausführlicheres Gespräch nötig sein.
4. Verbinden Sie digitale und persönliche Kontaktmöglichkeiten
Ein Elternteil antwortet vielleicht am Smartphone, wenn die Kinder schlafen. Eine andere Person füllt lieber einen Papierfragebogen in der Bibliothek aus oder spricht bei einer bestehenden Nachbarschaftsaktivität mit. Bieten Sie passende Möglichkeiten und erklären Sie, wie jeder Beitrag berücksichtigt wird.
Die OECD-Leitlinien für Bürgerbeteiligung empfehlen, digitale Instrumente nach Möglichkeit mit persönlichen Formaten zu verbinden. Dabei sollen auch die Zugänglichkeit sowie die personellen und finanziellen Ressourcen berücksichtigt werden, die eine Teilnahme ermöglichen.
5. Prüfen Sie schon während der Ansprache, wer noch fehlt
Beobachten Sie die Beteiligung, solange Sie noch Menschen einladen. Kommen die Rückmeldungen überwiegend aus wenigen Quartieren? Finden diejenigen, die von dem Vorhaben besonders betroffen sind, einen Weg, sich einzubringen?
Nutzen Sie diese Hinweise, um Ihre Ansprache anzupassen, eine andere Uhrzeit oder einen zusätzlichen Ort anzubieten oder einen weiteren lokalen Partner einzubeziehen. Erheben Sie nur die Informationen, die nötig sind, um Beteiligungslücken zu verstehen. Eine höhere Zahl an Antworten bedeutet für sich genommen nicht, dass die Bevölkerung besser repräsentiert ist.
Nachbarschaftskontakte mit kommunalen Entscheidungen verbinden
Das ist der Ansatz von Hoplr: alltägliche Kontakte in der Nachbarschaft mit kommunaler Kommunikation und Möglichkeiten zur Beteiligung verbinden.
Die niederländische Gemeinde Terneuzen zeigt, wie diese Elemente zusammenwirken können. Sie kombiniert das Hoplr-Nachbarschaftsnetzwerk mit einer öffentlichen Beteiligungsplattform. Die Befragung zur langfristigen räumlichen Entwicklung im Jahr 2025 ergab 640 ausgefüllte Fragebögen, ergänzt durch Beiträge aus Straßeninterviews und Schulbesuchen.

Im Dorf Zuiddorpe wurden die Menschen gefragt, was ihnen an einem Ort zum Spielen, Bewegen und Begegnen wichtig ist. Ihre Anregungen flossen in zwei Entwürfe ein, zwischen denen sie anschließend wählen konnten. So führte die erste Einladung zu einem sichtbaren nächsten Schritt.
Zeigen Sie, was mit den Beiträgen geschieht
Legen Sie vor der Einladung fest, wie Sie später Rückmeldung geben. Erklären Sie, was Sie gehört haben, was sich dadurch verändert und welche Vorschläge nicht berücksichtigt werden können – und warum. Verzögert sich eine Entscheidung, teilen Sie mit, wann die nächste Information zu erwarten ist.
Geben Sie diese Rückmeldung über dieselben Orte und Kontakte weiter, über die Sie die Menschen eingeladen haben. Wer im Nachbarschaftszentrum einen Beitrag abgegeben hat, sollte auch dort das Ergebnis finden können. Die OECD nennt die Erklärung, wie Beiträge genutzt wurden, als wesentlichen Schritt eines Beteiligungsverfahrens.
Beginnen Sie in einer Nachbarschaft
Wählen Sie für Ihr nächstes Projekt eine Nachbarschaft oder eine Gruppe aus, deren Perspektiven bisher fehlen. Besprechen Sie mit den Menschen und lokalen Partnern, was eine Teilnahme erschwert. Passen Sie einen Teil Ihres Vorgehens an und planen Sie die Nachbereitung, bevor Sie die Einladung verschicken.
Verstehen Sie „schwer erreichbar“ als eine Frage, der es nachzugehen gilt. Wenn Kommunen lernen, wie Menschen am liebsten in Kontakt treten, finden sie mehr Wege, sie an Entscheidungen zu beteiligen, die ihr Leben betreffen.
Beteiligung beginnt mit einer verbundenen Nachbarschaft. Indem Kommunen alltägliche Kontakte unterstützen, unterschiedliche Formen der Beteiligung ermöglichen und sichtbar machen, was mit den Beiträgen geschieht, wird dieser Grundsatz im Alltag konkret.
Häufig gestellte Fragen
Warum kommen manche Menschen nicht zu einer Bürgerversammlung?
Das sagt wenig über ihre Verbundenheit mit der Nachbarschaft aus. Arbeitszeiten, Sorgearbeit, Sprache, Zugänglichkeit oder frühere Erfahrungen können die Teilnahme erschweren. Fragen Sie die Menschen und lokale Partner nach diesen Hürden, damit Sie Zeitpunkt, Format oder Unterstützung passend gestalten können.
Wie erreichen Kommunen Menschen außerhalb ihrer üblichen Kanäle?
Knüpfen Sie an Orte und Kontakte an, die bereits zum Alltag gehören, etwa Schulen, Bibliotheken, Nachbarschaftsvereine und Fachkräfte im Quartier. Formulieren Sie eine konkrete Einladung und bieten Sie einen machbaren ersten Schritt, zum Beispiel ein kurzes Gespräch oder eine gezielte Frage. Arbeiten Sie mit mehreren Netzwerken, um mehr Perspektiven zu erreichen.
Reicht digitale Beteiligung aus, um alle einzubeziehen?
Ein digitaler Kanal allein beseitigt nicht jede Hürde. Kombinieren Sie Online-Angebote mit Straßeninterviews, Papierfragebögen oder bestehenden Nachbarschaftsaktivitäten. Stellen Sie über jeden Kanal ausreichend Informationen bereit und erklären Sie, wie Beiträge berücksichtigt werden. Mehr Antworten bedeuten für sich genommen nicht, dass alle Perspektiven vertreten sind.
Wie zeigen Kommunen, was mit den Beiträgen der Menschen geschieht?
Planen Sie die Rückmeldung schon vor der Einladung. Erklären Sie, was Sie gehört haben, was sich verändert und welche Vorschläge nicht umgesetzt werden können, einschließlich der Gründe. Teilen Sie die Ergebnisse über dieselben Orte und Kontakte wie die Einladung. Nennen Sie bei Verzögerungen den Zeitpunkt der nächsten Information.
Diesen Artikel teilen